EU-Agrarkommissarin Fischer Boel und Minister Ehlen bei Vilomix in Neuenkirchen-Vörden

Im Bild: (v.l.) Hans-Peter Mayer MdEP, EU-Kommissarin Marian Fischer Boel und Minister Hans-Heinrich Ehlen
 
 
„Wir haben sozusagen eine Türwächterfunktion, wenn es um die Sicherheit von Futtermitteln geht“, erläuterte Dr. Karl-Heinz König, Geschäftsführer der Deutschen Vilomix Tierernährung gegenüber der dänischen EU-Agrarkommissarin Marian Fischer Boel, die am Freitag, 6. Oktober 2006 zu einer Stippvisite nach Norddeutschland gekommen war.

Während ihrer Rundreise, bei der sie u.a. Niedersachsens Landwirtschaftsminister Hans-Heinrich Ehlen und der Europaabgeordnete Hans-Peter Mayer aus dem Landkreis Vechta begleiteten, besuchte Fischer Boel den Hauptsitz der Vilomix in Neuenkirchen-Vörden im Landkreis Vechta. Bei diesem Besuchstermin waren auch Detlef Breuer, Geschäftsführer der ISN-Interessengemeinschaft der Schweinehalter, ISN-Vorstandsmitglied Ulrich Kirschner und ISN-Beiratsmitglied Hartwig Wehming dabei.

„Aus insgesamt rund 400 Rohstoffen machen wir Musik“, erklärte König weiter und machte damit die enorme Verantwortung seines Unternehmens für die Futtermittelsicherheit deutlich. Er stellte das 1972 gegründete Unternehmen vor, dass an zwei Standorten in Niedersachsen, Neuenkirchen-Vörden und Hess. Oldendorf, im laufenden Jahr voraussichtlich rund 57.000 Tonnen Vormischungen, Mineralfutter und auch Spezialprodukte erzeugen wird.

Ein weiterer Produktionsstandort befindet sich derzeit im Südural in Russland im Bau. Das Werk, an dem die Vilomix mit 90% und zwei russische Partner mit 10% beteiligt sind, soll die Produktion im Frühjahr 2007 aufnehmen. Pro Jahr will die Vilomix dort langfristig etwa 20.000 Tonnen Vormischungen und Mineralfutter für die wachsenden Tierbestände in Russland erzeugen.
 

Mehr Know-how-Schutz bei offener Deklaration


Mit Blick auf die modifizierte offene Deklaration, die der Europäische Gerichtshofes jüngst festgelegt hat, forderte König gegenüber der Agrarkommissarin, sich für mehr Know-how-Schutz in der gesamten Futtermittelbranche einzusetzen. Derzeit müssen alle Unternehmen jede in ihren Produkten verwendete Rohware mit ihrem Prozentanteil deklarieren, wobei jeweils eine Toleranz von +- 15% erlaubt ist.
„Diese Angaben bringen dem Tierhalter keinen Zusatznutzen, schwächen aber unsere Wettwerbsposition entscheidend“, so Dr. Andreas Dreishing, stellvertretender Geschäftsführer der Vilomix. „Unsere Entwicklungsleistungen sind für unser Unternehmen überlebenswichtig.“

Fischer Boel erkannte die Bedeutung des Entwicklungsschutzes für die Unternehmen an und Landwirtschaftsminister Ehlen brachte es so auf den Punkt: „Auf jeder Coca-Colaflasche führt der Konzern alle Zutaten ihren Anteilen entsprechend in einer absteigenden Reihenfolge auf. Die Prozentangaben findet man hingegen nicht, denn die sind verständlicherweise das bestgehütete Betriebsgeheimnis des Konzerns.“ König machte deutlich, dass er schon damit zufrieden wäre, wenn sein Unternehmen wie ein Lebensmittelhersteller behandelt werden würde.
 

Verschleppungen und Nulltoleranz


Mit Blick auf das Thema Verschleppungen und Nulltoleranz hat die Vilomix im vergangenen Jahr eine separate Mischlinie für Kokzidiostatika für Geflügel eingerichtet (weitere Infos hierzu finden Sie hier). „Dies war mit einem enormen Kostenaufwand verbunden“, so König. Fraglich sei dabei für ihn der Sinn und Zweck der entsprechenden EU-Vorgabe. Das sei völlig überzogen. Auf diese Kritik ging Fischer Boel nicht näher ein. Sie verwies lediglich darauf, dass die innerhalb der EU geltenden höheren Standards wichtig seien, um die bestehenden Märkte zu sichern und neue Märkte erschließen zu können.
 
 
Gruppenbild vor dem Büro der Vilomix
 

Fischer Boel nahm Stellung zur Ferkelkastration ohne Betäubung


Während ihrer Rundreise in die Veredelungsregion Nordwestdeutschland stellte sich die EU-Agrarkommissarin Marian Fischer Boel am vergangenen Freitag im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung bei der Genossenschaft Schneiderkrug (GS agri) im Landkreis Vechta den Fragen verschiedener Agrarexperten. Rund 100 Interessierte waren zu dieser Veranstaltung gekommen.

Die EU-Kommission plant einen so genannten "Aktionsplan Tierschutz". Nach Angaben des zuständigen EU-Kommissars Markos Kyprianou will die EU damit erreichen, dass die EU-Normen weiterhin weltweit zu den strengsten zählen. Das EU-Parlament hat in diesem Zusammenhang kürzlich ein europaweites Verbot der Ferkelkastration ohne Betäubung gefordert. Vor diesem Hintergrund wollte der Vorsitzende des Landesverbandes Niedersächsischer Schweineerzeuger (LNS) und ISN-Beiratsmitglied Heinrich Dierkes aus Goldenstedt wissen, wie die Agrarkommission die langfristige internationale Konkurrenzfähigkeit der europäischen Schweinehalter gegenüber Drittländern, in denen deutlich geringere Tierschutzstandards gelten, beurteilt. Außerdem wollte er wissen, wie die Kommission die EU-weite Umsetzbarkeit und mögliche Alternativen für das vom Parlament geforderte Verbot der Ferkelkastration ohne Betäubung sieht.

Fischer Boel verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass die EU angesichts der großen Konkurrenz auf dem Weltmarkt ihre hohen Standards bezüglich des Tier- und Umweltschutzes, der Qualität, der Produktsicherheit und des Verbraucherschutzes beibehalten müsse. Nur so könne die EU einerseits ihre derzeitigen Märkte halten und andererseits neue Märkte, wie z.B. die sich in Asien entwickelnde wohlhabende Mittelschicht, erschließen. Die hohen Standards müssten langfristig allerdings für die Verbraucher auch erkennbar sein, und zwar durch eine entsprechende Kennzeichnung der Lebensmittel mit einem speziellen „Label“. „Die EU kann nicht mit Erzeugerländern wie Brasilien konkurrieren“, so die Kommissarin. „Dies zu versuchen wäre der falsche Weg.“
 

Ausweisung des Muskelfleischanteil (MFA) sehr wichtig


Wie wichtig für die Schweinehalter Deutschlands die Ausweisung des Muskelfleischanteils (MFA) auf Schlachtabrechnungen ist, machte der stellvertretende Vorsitzende der ISN-Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands, Ulrich Kirschner, gegenüber Fischer Boel deutlich. Denn nur so gäbe es für die Schweinehalter im grenzübergreifenden Handel Markttransparenz. Die Schätzung des MFA sei zudem ja nur mit Verfahren zulässig, die von der EU-Kommission genehmigt worden seien.

Der Schweinehalter fragte die Kommissarin, warum die EU statt der Handelsklassen nicht die Meldung des MFA vorgibt, wobei die EU-Handelsklassen doch bereits seit langem über das Marktangebot keine Aussagefähigkeit mehr besitzen. Die Agrarkommissarin riet den Schweinehaltern, sich mit diesem speziellen Anliegen an den Verwaltungsausschuss der EU zu wenden. Hier könnten sie diesbezüglich mehr erreichen als über die Kommission.

Mit Blick auf die Flächenstilllegung sagte Fischer Boel, dass diese mit einem System der entkoppelten Prämien nicht mehr vereinbar sei. Allerdings hätten längst nicht alle EU-Mitgliedsstaaten ihre Prämien entkoppelt. Daher werde es sicher noch dauern, bis diese endlich aufgehoben werden könne. Beim Einsatz markierter Impfstoffe gegen bestimmte Tierseuchen sei die Situation ähnlich kompliziert. Die Agrarfachleute forderten die Kommissarin in diesem Zusammenhang dringend auf, die Frage der Handelsrestriktionen nachdrücklich in Angriff zu nehmen.

Nach der Fragerunde gaben Fischer Boel und auch Landwirtschaftsminister Ehlen jeweils einen kurzen Überblick über die aktuellen agrarpolitischen Themen, die in Brüssel bzw. in Hannover diskutiert werden. Im Anschluss standen sowohl der Minister als auch die anwesenden Abgeordneten Hans-Peter Mayer MdEP, Franz Josef Holzenkamp MdB, Clemens Große Macke MdL und Friedhelm Biestmann MdL für intensive Gespräche zur Verfügung. Die Schweinebranche war während dieser Veranstaltung sehr gut vertreten.

Neben den bereits genannten diskutierten folgende Personen intensiv mit: Detlef Breuer, ISN-Geschäftsführer, ISN-Beiratsmitglied Friedrich Ahlers, Dr. Hubert Surmann, Stellv. Vorsitzender des Verbands der Fleischwirtschaft (VDF) mit Sitz in Bonn, Heinrich Dohrman, Vorsitzender des Vereins zur Förderung der Veredelungswirtschaft (VzF) mit Sitz in Uelzen und Stellv. Vorsitzender des (LNS), Dr. Albert Hortmann-Scholten, Geschäftsführer des LNS und der VEZG, Helmut Ehlen, Vorsitzender des Zentralverbands der Deutschen Schweineproduktion (ZDS) mit Sitz in Bonn und Vizerpräsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG ) mit Sitz in Frankfurt, Dr. Hans-Peter Schons, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tierzüchter (ADT) mit Sitz in Brüssel und Norbert Stärk für den Vieh- und Fleischhandelsverband Weser-Ems mit Sitz in Varel.
 
 
Im Bild: EU-Kommissarin Marian Fischer Boel (li.) mit (v.r.) Helmut Ehlen (ZDS), Heinrich Dohrmann (VzF), Friedrich Ahlers und Detlef Breuer (beide ISN)